Es reicht! Das Taubergießen wird überrannt und zerstört

Leute, mir reicht´s! Heute lese ich in der Zeitung davon, dass im Taubergießen schlimme Zustände herrschen und das man etwas dagegen unternehmen will. Ich bin sprachlos! Die schlimmen Zustände herrschen schon das ganze Frühjahr und nicht nur an den Wochenenden. Scharen von Menschen fallen über das Gebiet her: auf den Wegen, im Wasser und sogar aus der Luft mit Drohnen.

Die Corona-Pandemie hat alles noch viel schlimmer gemacht: die Großstädter zieht es aufs Land und in die Natur. Ist ja alles ganz billig geworden: aufblasbarer Kajak oder ein kitschiges Einhorn, Standup-Paddel Bretter zum Aufblasen und ganz wichtig, der Einweggrill und der MP3-Player. Mit dem kam man dezibelstark die Clubatmosphäre in das lauschige Schilf holen, wo man auch noch nackt baden und sonnen kann – hat was vom Ballermann, oder?

Leute, mir reicht´s! Ich beobachte einen Golf mit Freiburger Kennzeichen, der einen gesperrten Weg entlang fährt und direkt neben einem vier Quadratmeter großen Schild „Bootsfahren verboten“ (für Analphabeten: ein rot durchgestrichenes Boot) wird ein Schlauchboot zu Wasser gelassen und mit einen nicht unerträglichen Biervorrat für vier Jungspunde gefüllt.

Am Vatertag (21. Mai, bereits vor acht Wochen!) parken die Autos an der Ruster Zuckerbrücke ca. 200 Meter lang an beiden Straßenseiten halb im Feld. Ich schaue die Kennzeichen an: die Mehrzahl kommen aus dem Emmendinger und Freiburger Raum, aber es sind auch viele Schwaben aus Stuttgart sowie „Kurzurlauber“ aus Rastatt und Karlsruhe gekommen.

Leute, mir reicht´s! Am Doppelwehr aalen sich klatschnasse Pseudofotomodelle im Bikini am Uferrand mit dem Smartphone in Selfie-Pose: „Entschuldigung, das ist hier kein Badesee, das ist ein Naturschutzgebiet“, sagt mein Begleiter und Naturschutzwart. „Wir baden doch gar nicht, wir sonnen uns nur“, bekommen wir von den nassen Nixen ins Gesicht gelogen. „Schade, hier wurden vor eine Woche kleine Aale eingesetzt, die den Schutz des Ufers brauchen, damit sie nicht gleich von Wallern und Hechten gefressen werden. Die werden jetzt von den Menschen gezwungen in das tiefere Wasser zu schwimmen und werden dann verspeist“, sagt der Fischer traurig.

Leute, mir reicht´s! Eigentlich ist das ganze Leben im Taubergießen zum Trauerspiel geworden. Das Regierungspräsidium hat ja schon einiges gemacht, zum Beispiel die Besucherlenkung mit fast 300 Schildern. Die hat man, ganz grün und öko, an feuerverzinkten Stahlpfosten angebracht. Sauber, genau die Stahlpfosten wachsen im Taubergießen an jeder Ecke nach, endlich was Nachhaltiges, muss ich sarkastisch feststellen. Der Taubergießen schreit vor Schmerz, die Tiere ziehen sich in die Mitte, in den tiefen Wald zurück. Und immer wieder am Weg oder im Gelände die Errungenschaften der modernen Zivilisation: Plastikmüll, Flaschen, Kronkorken, Kondome und Einweggrills.

Leute, mir reicht´s! Unsere Bootsfahrer und Fischer stehen verloren an der Zuckerbrücke und werden von den Kanus, Kajaks, Padelbretter, aufblasbaren Einhörnern oder Palminseln überrannt. Die stürzen sich ins Wasser und verunreinigen dieses hochwertige Biotop mit ihrer Sonnenschutzfaktor40-Creme auf der käsigen Haut und nutzen den Taubergießen als Erlebnisbad. Während der Fahrt legen sie an den schönsten Plätzen an (Das ist strengstens verboten!), lassen die Bierflaschen zischen und zünden den Einweggrill an. Ja, das macht Spaß und das ist ja ein richtiges Abenteuer.

Es muss etwas passieren, die Mitarbeiter der staatlichen Stellen rennen wie zahnlose Tiger umher und brüllen die Strafen hinaus. Aber was soll das bringen? Sie können nicht mehr beißen. Der Taubergießen braucht Polizeistreifen auf E-Bikes, die auch Personalien feststellen können und auch durchgreifen können. Das Engagement von nebenberuflichen Rangern wird nicht mehr ausreichen.

Leute, mir reicht´s! Am Abend mache ich eine kleine Tour mit dem Rad zu meinen Lieblingsplätzen und fahre an der Zuckerbrücke vorbei. Direkt vor dem Schild „Campen verboten“ (Durchgestrichenes Wohnmobil, für Analphabeten) stehen zwei Wohnmobile, fertig für die Nacht gemacht, mit Keilen unter den Rädern.

Die Menschen strotzen vor Egoismus und Ignoranz.

Ich fahre weiter und im Wald begegnen mir auf dem Weg zwei Wildschweine. Sie schauen mich irgendwie traurig an. Es tut mir weh.

Von Naturschutzwarten habe ich ein paar Bilder bekommen, die ich zur Illustration hier veröffentliche.